Steuern

FIFO beim Teilverkauf: welche Tranche zuerst zählt

Die älteste Tranche geht zuerst — zwingend, nicht wählbar. Was das kostet, und warum die Warteschlange je Depot geführt wird.

Veröffentlicht am · Von The Acutic Research Team

Wer über Jahre denselben ETF bespart, besitzt am Ende nicht eine Position, sondern einen Stapel. Wird ein Teil davon veräußert, stellt sich eine Frage, die über die Steuerlast entscheidet und die in Deutschland niemand beantworten darf: Welche Stücke waren es?

Die Antwort steht im Gesetz

§ 20 Abs. 4 Satz 1 EStG definiert den Gewinn als Veräußerungserlös abzüglich der unmittelbar zusammenhängenden Aufwendungen und der Anschaffungskosten. Satz 7 legt fest, welche Anschaffungskosten das sind:

„Bei vertretbaren Wertpapieren, die einem Verwahrer zur Sammelverwahrung im Sinne des § 5 des Depotgesetzes … anvertraut worden sind, ist zu unterstellen, dass die zuerst angeschafften Wertpapiere zuerst veräußert wurden.“ — § 20 Abs. 4 Satz 7 EStG

Zu unterstellen — nicht zu wählen. Anders als in den Vereinigten Staaten, wo sich einzelne Lots bezeichnen lassen, ist die Reihenfolge hier zwingend. Sie ist keine Einstellung im Online-Banking und lässt sich auch nicht nachträglich korrigieren.

Was das konkret bedeutet

Fünf Tranchen à 100 Stück, über fünf Jahre angeschafft, Einstände zwischen 40 € und 95 €. Veräußert werden 150 Stück zu 100 €.

Welche Tranchen ein Teilverkauf von 150 Stück nach FIFO verbrauchtFünf Tranchen zu je 100 Stück, nach Anschaffungsdatum geordnet. Der Verkauf von 150 Stück verbraucht die gesamte älteste Tranche von 2021 und die Hälfte der zweitältesten von 2022. Die drei jüngeren Tranchen bleiben unberührt, unabhängig von ihrem Einstandskurs.2021-0150 €100 von 100 veräußert2022-0740 €50 von 100 veräußert2023-0360 €unberührt2025-0180 €unberührt2026-0295 €unberührt150 Stück veräußert — die Reihenfolge ist nicht wählbar.
§ 20 Abs. 4 Satz 7 EStG. Beispielzahlen; die Tranchenpreise sind frei gewählt.

Die Warteschlange frisst sich von oben durch: die gesamte Tranche von 2021-01 und 50 Stück aus 2022-07. Die drei jüngeren Tranchen bleiben unberührt — auch die aus 2026-02 zu 95 €, die rechnerisch den kleinsten Gewinn ausgelöst hätte.

Steuer auf denselben Teilverkauf nach drei Zuordnungsmethoden
MethodeGewinnNach TeilfreistellungSteuer
FIFO (gesetzlich)8.000 €5.600 €1.477,00 €
LIFO (nicht zulässig)1.500 €1.050 €276,94 €
Durchschnitt (nicht zulässig)5.250 €3.675 €969,28 €

Derselbe Vorgang: 150 Stück zu 100 €. Thesaurierender Aktienfonds mit 30 % Teilfreistellung, 26,375 %, ohne Kirchensteuer und ohne Sparer-Pauschbetrag. LIFO und Durchschnittsmethode stehen in Deutschland nicht zur Wahl — sie zeigen nur, was die Zuordnung ausmacht.

Die Spanne ist der eigentliche Befund: zwischen der gesetzlich vorgeschriebenen Zuordnung und der rechnerisch günstigsten liegen 1.200,06 € Steuer auf ein und denselben Vorgang. Nichts daran lässt sich gestalten — aber wer die Zahl kennt, wundert sich hinterher nicht über die Abrechnung.

Die Feinheit, die fast überall fehlt

FIFO gilt je Depot, nicht je Person. Ein Unterdepot zählt dabei als eigenes Depot. Dieselbe ISIN in zwei Depots bildet also zwei getrennte Warteschlangen, und welche Stücke als veräußert gelten, hängt davon ab, aus welchem Depot heraus veräußert wird.

Dass diese Eigenschaft Überlegungen zu gezielten Teildepotüberträgen auslöst, liegt nahe, und sie werden auch diskutiert. Die steuerliche Behandlung einer Übertragung, die eigens zu diesem Zweck erfolgt, ist allerdings umstritten — das ist eine Frage für eine Steuerberatung. Worauf es hier ankommt, ist der unstrittige Teil: wo eine Position liegt, beeinflusst, welche Anschaffungskosten bei einer Teilveräußerung angesetzt werden.

Und was beim Übertrag mit den Anschaffungsdaten selbst passieren kann, steht in Depotübertrag: die 30-Prozent-Falle — fehlen sie, ist die Tranchenfrage ohnehin erledigt, dann greift die Ersatzbemessungsgrundlage.

Sparpläne bauen lange Warteschlangen

Jede Sparplanausführung ist eine eigene Anschaffung und reiht sich hinten ein. Nach einigen Jahren besteht eine Position aus Dutzenden kleiner Tranchen, und bei einer Teilveräußerung kommen zuerst die ältesten an die Reihe — in einem über die Jahre gestiegenen Markt also typischerweise die günstigsten, mit dem größten Gewinn.

Wie sich der so entstehende Gewinn mit Verlusten und dem Freibetrag verrechnet, steht in Verlustverrechnung: die zwei Verlusttöpfe und Sparer-Pauschbetrag erklärt. Für Fondsanteile kommt die Teilfreistellung hinzu, die in der Tabelle oben bereits berücksichtigt ist.

Wer Positionen über mehrere Institute verteilt führt, sieht die Tranchenlage selten an einem Ort. Die Acutic-Arbeitsumgebung führt Bestände ohne Bankverbindung zusammen; wie die Analyse entsteht, steht auf der Methodikseite. Eine steuerliche Berechnung ersetzt sie nicht.

Häufige Fragen

Kann ich wählen, welche Tranche veräußert wird?

Nein. § 20 Abs. 4 Satz 7 EStG unterstellt für vertretbare Wertpapiere in Sammelverwahrung, dass die zuerst angeschafften Stücke zuerst veräußert werden. Eine Einzelbezeichnung wie in den USA ist nicht vorgesehen — die Reihenfolge ist Gesetz, keine Einstellung im Depot.

Gilt FIFO über alle meine Depots hinweg?

Nein, und das ist der Punkt, den die meisten Darstellungen auslassen: FIFO wird depotbezogen angewandt, ein Unterdepot zählt als eigenes Depot. Dieselbe ISIN in zwei Depots bildet zwei getrennte Warteschlangen. Welche Stücke als veräußert gelten, hängt deshalb davon ab, aus welchem Depot heraus veräußert wird.

Lässt sich die Reihenfolge durch einen Teildepotübertrag ändern?

Dass die depotbezogene Anwendung diesen Gedanken nahelegt, liegt auf der Hand, und entsprechend wird darüber diskutiert. Die steuerliche Behandlung einer gezielt zu diesem Zweck vorgenommenen Übertragung ist jedoch umstritten. Das ist eine Frage für eine Steuerberatung und nicht für einen Blogbeitrag.

Was passiert mit Sparplan-Ausführungen?

Jede Ausführung ist eine eigene Anschaffung mit eigenem Datum und eigenem Kurs und reiht sich hinten in die Warteschlange ein. Nach einigen Jahren Sparplan besteht eine Position aus sehr vielen kleinen Tranchen — die ältesten und in einem gestiegenen Markt meist günstigsten kommen bei einer Teilveräußerung zuerst an die Reihe.

Wo sehe ich meine Tranchen?

In der Regel in der Depotübersicht der Bank unter der Position, oft „Bestandsaufteilung“, „Tranchen“ oder „Einstandskurse“ genannt. Fehlen dort Einstandsdaten, ist das ein Warnzeichen — dann greift beim Verkauf möglicherweise die Ersatzbemessungsgrundlage.

Dieser Beitrag ist allgemeine Information, keine Steuerberatung. Für Ihre persönliche Situation wenden Sie sich an eine:n Steuerberater:in. Rechtsstand: Oktober 2026.

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